Dysthergrund
Willkommen im Land der Dysthymie und Depression!



sitzende Person, wirkt niedergeschlagen

Dysthergrund

Dysthergrund setzt sich aus zwei Wörtern zusammen:

Dysther =
klingt wie „düster“, passt aber auch zur Krankheit Dysthymia (oder Dysthymie), an der ich seit Jahrzehnten leide.
Naja, mal mehr und mal weniger leide… Wenn es eine Gewohnheit ist, dass es niemals wirklich gut ist, dann ist vieles normal, was andere bereits als bedenklich betrachten. Doch dazu mehr unter „Dysthymie“.

Grund =
so werden oft Täler genannt. Im Tal befinde ich mich, außer ich sitze in einer tiefen Grube, wenn wieder die Depression zuschlägt und ich dann plötzlich an der sogenannten „Double Depression“ leide.
Grund steht auch für einen Grund, weshalb ich mich nicht gut fühle oder sogar in meiner Grube hocke. Dieser Grund ist manchmal klar, oft dummerweise nicht. Und wenn mich dann jemand fragt, weshalb ich gerade eine Depression habe, dann kann mich mitunter diese Frage weiter nach unten ziehen. Genauso wie die Frage, wann sie denn vorbei ist.
Ja, wenn ich das wüsste…

Es ist keine Entscheidung, und kein Zusammenreißen hilft gegen düstere Gedanken. Ich habe mich bereits Jahrzehnte „zusammengerissen“, deshalb spaziere ich nach wie vor lebendig auf dieser Erde herum. Deswegen nehme ich immer noch neue Pläne oder Projekte in Angriff, so wie diese Website hier.

Dysthergrund.de soll weiterhelfen.

Hier will ich aufklären, deutlich machen, dass depressive Menschen keine Weicheier oder Simulanten sind, dass eine handfeste Depression keine Trauer ist und schon gar keine Charakterschwäche. (Wobei nicht vergessen werden darf, dass aus Trauer eine Depression entstehen kann.)

Ich will gleichzeitig Menschen, die ahnen oder wissen, dass sie an dieser Krankheit leiden, weiterhelfen. Am Anfang hatte ich 1000 Fragen und selbst Vorurteile:
Psychiatrische Einrichtungen kannte ich nur aus dem Fernsehen, über die Zustände dort hatte ich also eher eine Horrorvorstellung, außerdem zweifelte ich, ob mir wirklich geholfen werden kann. Aber bevor ich hier schon alles vorweg nehme… Mehr Infos dazu gibt es ebenfalls auf dieser Website.


Dysthymie oder Dysthymia

Früher wurde diese Form der Depression als „Neurotische Depression“ bezeichnet, heute oft noch (zum besseren Verständnis) als „chronische Depression“. Unter F34.1 ist die Dysthymie im ICD-10 klassifiziert, hier der Link dazu:
https://www.icd-code.de/icd/code/F34.-.html

Der Begriff „Dysthymia“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Missmut“. Aber helfen das und die Definition im ICD-10-Code wirklich, diese Krankheit zu verstehen, wenn man noch nie damit zu tun hatte? Ich denke nicht.
Daher beschreibe ich hier meine Dysthymie, die natürlich bei anderen Betroffenen zu einem anderen Zeitpunkt beginnen oder sich anders äußern kann.

Meine Dysthymie

Wann genau diese alte Bekannte zu Besuch kam und sich zum Bleiben entschied, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich mit 11 oder 12 erste Selbstmordgedanken hatte und mich davor bereits meist einfach nur mies gefühlt habe.
(Und an all diejenigen, die immer noch meinen, Kinder oder allgemein junge Menschen hätten doch noch nichts erlebt blablabla und könnten deshalb doch überhaupt keine Depression bekommen/haben: Nutze das Internet und mache dich schlau, du Ignorant! Oder erzählst du den gleichen Blödsinn bei körperlichen Erkrankungen?)
Eine mögliche Erklärung:
Nach der Trennung und Scheidung meiner Eltern, dem Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium und vielen anderen Umständen fühlte ich mich nur noch wie im falschen Leben. Irgendwie überfordert, ich war falsch, ich machte alles falsch, alles um mich herum war falsch… Ich konnte es damals nur nicht so ausdrücken, wenn es überhaupt interessiert hätte. Denn dieses Gefühl war ebenfalls da: Ich interessierte nicht. Ich hatte gefälligst zu funktionieren, „keine Fresse zu ziehen“, keine Schwierigkeiten zu machen – und es war scheinbar eine Katastrophe, dass ich es im Halbjahreszeugnis auf dem Gymnasium in Englisch nur auf eine Vier schaffte. Die guten Noten dagegen interessierten nicht. Die waren wohl normal und Standard bei mir, so eine Grundvoraussetzung. Kein Kein Lob nötig, aber eine Ohrfeige im Bus vor allen für die Vier.
So oder so, ich fühlte mich fast immer fehlerhaft und fehl am Platz.

Diese Gefühle hielten an, im Grunde bis heute. Ab und an gesellte sich noch eine handfeste Depression dazu. Leichte Episoden sind für mich nicht wahrnehmbar und bei den Tests wundere ich mich immer wieder, weshalb da „mittelschwer“ steht, obwohl ich doch der festen Überzeugung bin, dass es jetzt nur noch eine „leichte“ Depression ist. Ich habe also eine verschobene Wahrnehmung.

Ende 2019 suchte ich erstmalig professionelle Hilfe aufgrund einer schweren Depression. Die Dysthymie wurde jedoch erst Ende 2021 festgestellt, als ich mit einer schweren Depression inklusive akuter Suizidgefahr im Landeskrankenhaus Alzey war. Das ist jedoch oft so, wie ich erfuhr:
Da Menschen, die an Dysthymie leiden, ihren Alltag bewältigt bekommen, fallen sie kaum auf. Erst wenn eine mittelschwere oder schwere depressive Episode hinzu kommt, kann die Dysthymie entlarvt werden. Dann handelt es sich sogar um eine „Double Depression“, da zwei Formen der Depression vorliegen.
Was 2026 heraus kam: Ich habe obendrein ADHS. Diese heftige Daueranpassung, um „normal“ zu wirken, strengt an und befeuert Dysthymie und Depression zu allem Überfluss. Juchu...

Was „habe“ ich von der Dysthymie?

(Da ja immer so schön unterstellt wird, man würde sich Vorteile durch psychische Erkrankungen erschleichen.)

  • ein Selbstwertgefühl, das kaum vorhanden ist
  • Angst, Fehler zu machen
  • Angst, andere zu enttäuschen
  • Angst, nicht gut genug zu sein bzw. dass andere bemerken, dass ich nicht gut genug bin
  • Angst, dass ich als Hochstaplerin entlarvt werde, also eine, die z. B. nur durch Glück ihren Bachelor machte (so bekloppt es für viele klingt)
  • Ich erwarte für die Zukunft meist nichts Gutes.
  • Da ich meist nichts Gutes erwarte, bin ich zwar gut im Pläne schmieden, aber setze sie dann nicht um. Oder nur, wenn ich trotzdem irgendwie einen Funken überzeugt bin. Wobei ich interessanterweise mehr in Angriff nehme, als etliche Leute, die ich kenne und die auf alles nur Einwände haben. Seltsam.
    (Und Vorsicht: Wenn ich dann wirklich etwas umsetzen will, dann mache ich es meist zügig – deshalb waren meine Selbstmordpläne so gefährlich.)
  • nach außen okay, innerlich meist leer oder niedergeschlagen (neutral ist ein guter Zustand
  • Grübelschleifen wären hübsch, bei mir sind’s schon echte verhedderte Grübelknäuel (wobei da nicht klar ist: Dysthymie? ADHS? Beides?)
  • Etwas Falsches gesagt oder getan? Das kann ich mir mitunter sogar jahrelang vorwerfen!
  • Ich fühle mich schnell gestresst, ein Gefühl, das ich lange unterdrückte, weil ich mich ja nicht so anstellen wollte. Das lasse ich erst jetzt zu – und ich habe wahnsinnig viele Dinge, die mich stressen, was mich selbst total erstaunt. Ach so: Und trotz unterdrücken war ich ja trotzdem gestresst…
  • Ich brauche viel Zeit alleine und bekomme schnell eine „Überdosis Mensch“.
  • Auf Erreichtes bin ich nicht stolz. Ich feiere nicht meine Erfolge. Manchmal tue ich so, weil ich weiß, dass es erwartet wird. Aber ich fühle es nicht.


Depression

Statt „Depression“ könnte ich genauso gut „Depressionen“ schreiben, denn bei mir blieb nicht eine Depression alleine. Da ist ja die Dysthymie und diese „Episoden“ kehren auch immer wieder gerne zu mir zurück. Falls es tatsächlich Episoden sind, denn scheinbar sind sie bei mir durchgehend, manchmal heftiger, manchmal weniger stark.
Im ICD-10 findet man die depressive Episode unter F32, unterteilt in drei Schweregrade. Man kann daran auch mehrmals im Leben erkranken, was als „rezidivierende depressive Störung“ bezeichnet wird, unter F33 aufgeführt.

Als Symptome wird vieles genannt, wobei nicht jeder Mensch und jede Depression gleich ist. So kann der eine unter Appetit- und damit verbundenem Gewichtsverlust leiden, während Leute wie ich unbeirrt weiter futtern können und dann zunehmen, da sie sich durch die Lustlosigkeit viel weniger bewegen. Und vielleicht sogar noch ein wenig Frustfuttern betreiben.

Depression und Manie

Ist von einer bipolaren Störung die Rede, oder veraltet „manisch-depressiv“, dann wechseln sich Tiefphasen wie bei der Depression mit Phasen eines Hochgefühls ab. Hochgefühl klingt doch toll…? Nein, nicht bei einer Manie. Eine Manie kann dazu führen, dass sich jemand so verausgabt, dass kurz danach der Rutsch ins andere Extrem vorprogrammiert ist. Manche überschulden sich in dieser Phase oder schaden sich auf andere Arten. Das Maß stimmt hier einfach nicht. Bei der bipolaren Störung handelt es sich auch gar nicht um eine Depression, sondern um eine eigenständige Erkrankung, die anders behandelt werden muss.

Die Depression ist bestimmt nicht morgen wieder gut

Die Depression ist unipolar, es geht also nur in die eine Richtung. Und noch etwas: Mal ein Tagestief, was viele im Alltag als „ich hab heut' meine Depri“ bezeichnen, fällt nicht darunter. 14 Tage am Stück müssen das schon mindestens sein. Ohne Hoch oder Okay dazwischen, ohne morgens mies, aber zum Feierabend hin super. Und sich mit Schokolade vollstopfen, Tee trinken, die Seele baumeln lassen, ein Bad nehmen oder was auch immer so an Wunderheilmitteln genannt wird, das hilft kein klitzekleines Bisschen, wenn der schwarze Hund, wie Churchill seine Depression beschrieb, da ist.
Auch der oft genannte "Winterblues" ist noch keine Depression. Es gibt Erkrankte, deren Depression sich im Winter verschlimmert, aber das ist nicht bei allen der Fall. Die Depression ist kein Winterblues, den man mit kuscheligen Socken vertreibt. Schön wär's.

Wenn du mindestens 14 Tage am Stück voll im Tief hängst, dir nichts mehr Spaß macht, du Spaß vorspielen musst (also mit einer Maske durchs Leben rennst), alles nur noch anstrengt, dann bist du schon näher dran.
Bei mir war es Ende 2021 so:
Im Grund aß ich zuhause nur noch, duschte und schlief. Mehr war einfach nicht möglich, weil ich ohnehin schon durch mein Masketragen während der Arbeit heillos überfordert und ausgelaugt war. Alles war anstrengend, jeder Tag eine Last und bereits morgens wollte ich nur noch, dass dieser Tag zu Ende geht. Irgendwie.
Ob die Sonne schien oder nicht – was sollte das für einen Unterschied machen? Der Tag war doch sowieso einfach nur ein weiterer anstrengender, überflüssiger Tag in einem sinnbefreiten, überflüssigen Leben. Außer dass ich Miete, Essen und Rechnungen bezahlen sollte, fiel mir kein Grund zum Arbeiten ein. Miete, Essen, Rechnungen bezahlen macht man halt, aber eigentlich war mir sogar das egal. Okay, ohne Wohnung wäre es schwerer gewesen, sich richtig zurückzuziehen und die Ruhe zu haben. Aber ansonsten? Wofür? Weshalb? Und wofür überhaupt fragen, wofür? Da war nix. Es gab keinen Grund für mein Leben, keine Hoffnung, keine Zukunft, nichts. Wenn ich mich nicht mies fühlte, dann war da ebenfalls nichts. Kein Gefühl. Ich konnte stundenlang die Decke anstarren und merkte zum Teil nicht mal, wie die Zeit verging. Ich war einfach nicht da, fühlte nichts, war leer. Höchstens eine Hülle, die da auf der Couch saß oder lag oder auch auf dem Boden lag, war eh egal.
Es ist sehr schwer, gerade den gefühllosen Zustand mit Worten zu beschreiben, da Worte Gefühle oder Vorstellungen beinhalten. Diese waren jedoch weg. Selbst wenn die Niedergeschlagenheit und Verzweiflung zurückkehrten, war das irgendwie besser, weil ich dann zumindest wusste, dass ich noch da bin. Auch wenn ich nicht gerne da war.

Depression ist keine Traurigkeit

Die Niedergeschlagenheit oder der „Abgrund“, so wie ich es nenne, wird oft als „Traurigkeit“ in Berichten bezeichnet. Bei Trauer kann ich weinen, weiß gewöhnlich weshalb, es gibt einen Grund und irgendwann ist es vorbei, oder? Ich verspürte keine Trauer im herkömmlichen Sinne. Es war vielmehr niederdrückend, als ob ich manchmal nicht mal mehr atmen könnte, als ob alles grau wäre, neblig, ich alles durch Watte wahrnahm…
Daneben kreisten die Gedanken in meinem Kopf, ich versuchte, mich selbst vollkommen zu kontrollieren, damit ich nichts falsch machte – und machte dann erst recht einiges falsch. Zumindest falsch in meinen Augen. Ein falscher Kommentar von mir genügte, eine falsche Geste, und ich warf mir das immer und immer wieder vor. Mein Kopf schwirrte und oft genug war es so, dass er sich dumpf in den Feierabend verabschiedete. Noch was aufnehmen an Informationen? Nö, war überfüllt. Auf dem Weg von der Arbeit heimwärts kämpfte ich mit einer bleiernen Müdigkeit.
Da war kein Stopp, keine Chance, aus den Gedanken auszusteigen – und dieses „good vibes only“-Geschwafel gab mir eher den Rest, weil ich doch sogar dazu viel zu unfähig war. Obwohl ich in den wenigen Momenten, wenn halbwegs etwas ging, verzweifelt versuchte, mir selbst mit diesen Selbsthilfebüchern bzw. der Glücksliteratur weiterzuhelfen.
Mit jedem Tag, der mir zu viel war, wuchs die Hoffnungslosigkeit, dass es jemals besser werden würde.

Wenn kein Sinn mehr vorhanden ist, teilweise sogar nicht mal mehr ein Gefühl, wenn keine Hoffnung mehr da ist und auch keine Zukunft, dann kann das zu Selbstmordgedanken führen.
Keine Zukunft in Sicht, dafür sah ich meine Verfehlungen und war der absolut festen Überzeugung, dass „die Welt“ ohne mich sowieso besser dran war. Genauso würden Freunde und Familie schnell feststellen, dass ich kein Verlust bin.

Ja, mit Hilfe habe ich es wieder aus diesem Zustand heraus geschafft. MIT PROFESSIONELLER HILFE!
Sonst könnte ich das hier nicht mehr schreiben. Und daher macht es mich oft wütend, wenn irgendwelche Leute dahergelaufen kommen, die nie eine Depression erlebt haben, Sprüche reißen wie „Och, Kopf hoch!“, „Reiß dich mal zusammen!“, „Du musst nur an was Schönes denken!“, „Geh mal unter die Leute!“ und all diesen Murks. Das hilft null. Diese Sprüche belasten zusätzlich.
Hilfreich dagegen ist es zum Beispiel, die Nummer der Telefonseelsorge rauszusuchen. 0800 1110111 ist eine der Nummern, mehr findest du auf der Website der Telefonseelsorge:
https://www.telefonseelsorge.de/.

So oder so: Depression ist ein Arschloch.


ADHS

Schon immer da, nur wusste ich es nicht: ADHS. Ich gehöre zu den Spätdiagnostizierten, 2026 mit 50 Jahren erfahren.

Vielleicht hätte vieles einfacher sein können. Vielleicht wäre ich dann manchmal freundlicher zu mir selbst gewesen. Vielleicht hätte eine frühere Diagnose geholfen. Vielleicht hätte es aber auch nichts geändert.
Wer weiß das schon?

Zu finden ist die „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“ im ICD-10 unter F90 und gehört zu den hyperkinetischen Störungen. Hyperkinetisch bedeutet, dass eine deutlich vermehrte Bewegungsaktivität vorliegt. Es gibt drei Hauptsymptomgruppen (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität) und drei Arten laut DSM-5: Das vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild (veraltet: ADS), das vorwiegend hyperaktiv-impulsives Erscheinungsbild (also ohne Unaufmerksamkeit) und der Mischtyp, zu dem ich gehöre und zu dem schätzungsweise 80% gehören.

Aufmerksamkeitsdefizit?

Wobei das mit dem Aufmerksamkeitsdefizit nicht ganz korrekt ist: Die Aufmerksamkeit ist schon da, sie springt nur gerne dorthin, wo es interessanter ist. Und zwischendurch kann sie zum Hyperfokus führen, also einer Aufmerksamkeit, die so stark auf etwas gerichtet ist, dass körperliche Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Blase oder auch Außenreize wie Ansprechen, Geräusche etc. gar nicht ins Bewusstsein kommen. Es könnte vermutlich tatsächlich nebenan eine Bombe einschlagen, ohne dass man es im Hyperfokus mitbekommt.
Klingt toll, ja? Nö, isses nicht. Spätestens wenn dein Kreislauf schlapp macht, weil du trotz Hitze zu wenig getrunken hast, und du kaum noch aufstehen kannst, so schmerzt die Blase, deine Augen brennen, weil du auch den Schlaf vernachlässigt hast und du entsetzt feststellst, dass du zu spät zu deinem Termin kommst, dann weißt du: Nee, das ist nicht toll.
Wenn du dich so verausgabt hast, dass du danach nichts mehr gebacken kriegst, auch am nächsten Tag, weil du dich selbst ausgebrannt hast – es ist nicht toll.
Und allerspätestens wenn du zusätzlich mit Dysthymie / Depressionen kämpft und dich durch so einen Hyperfokus so runterhaust, dass du direkt wieder im Tal landest: NEEE! ES IST NICHT TOLL! Manchmal ja, gebe ich zu. Aber dadurch, dass er sich nicht steuern lässt, ist er gerade in Kombi mit anderen Erkrankungen ein Risikofaktor.

Vorurteile

Irritierend finde ich es, wenn immer noch behauptet wird, dass Introvertierte automatisch zu den Leuten mit ADS gehören. Nein, gehören sie nicht. Intro-, extro- oder ambivertiert sind Persönlichkeitsmerkmale, während ADHS eine neurobiologische Funktionsstörung ist. Das sind zwei Paar Schuhe und nur weil vielleicht beide Sandalen sind, gehören sie nicht unbedingt zusammen. (Wenn wir schon bei Schuhen sind.)
Genauso tue ich mich schwer, wenn behauptet wird, Hypersensibilität wäre ein ADS-Merkmal und könne bei ADHS nicht vorkommen. Wieso habe ich dann beides? Und nicht nur ich?
Oder dass scheinbare Ruhe im Außen als ADS eingeordnet wird, obwohl man (wie ich) dann heimlich mit den Zehen in den Schuhen spielt usw.?
Dass Träumen Hyperaktivität ausschließt?
Dass gute Schulnoten und ein Einser-Studium AD(H)S ausschließen?
Genauso kommt oft immer noch: Frauen haben das nicht. Das wächst sich aus. Das ist eine Modekrankheit. Wobei ich das mit der Modekrankheit ja bereits durch die Depression kenne. Trotz überlieferter „Schwermut“ und Suiziden sowie dem „Werther-Effekt“ wird das dort immer noch behauptet. Bei diesem Lerntempo wird ADHS vermutlich noch locker in 100 Jahren oder mehr als „Modekrankheit“ und „Das haben ja jetzt alle.“ abgetan.

Ich kann da nur froh sein, dass meine Therapeutin nicht alten Vorurteilen nachhing, sondern ganz einfach testete und fragte.
Vielleicht hilft mir dieses Puzzlestück jetzt, besser zu verstehen, was mich belastet, überreizt usw., damit ich nicht mehr so tief abrutsche wie 2021.

Für diese Website bedeutet die Diagnose ADHS:

Auch Infos zu ADHS werden ab jetzt hier Platz finden. Zumindest habe ich ganz fest vor, neben meinen zig anderen Projekten, die Website weiter auszubauen...
Aber erst muss ich, oh, warte, ich muss was essen. Und wieso, weshalb, warum drückt die verdammte Blase schon wieder so?